Arbeitsleben - Psychiche Belastung und Beanspruchung

Aus DiemerWiki

Wechseln zu: Navigation, Suche


Psychische Belastung und Beanspruchung im Arbeitsleben

  • Warum befasst sich ein gesetzlicher Unfallversicherungsträger mit psychischer Belastung und Beanspruchung?
  • Was genau kann man unter psychischer Belastung und Beanspruchung verstehen?
  • Was sind konkrete Beispiele für psychische Belastungen am Arbeitsplatz?
  • Welche Möglichkeiten gibt es für die betriebliche Praxis?


1. Warum befasst sich ein gesetzlicher Unfallversicherungsträger mit psychischer Belastung und Beanspruchung?

Stress, Mobbing, Burnout - die Schlagworte sind in aller Munde. Dass psychische Belastung zu massiven Problemen führen kann, ist bekannt. Warum aber soll sich ein gesetzlicher Unfallversicherungsträger mit psychischer Belastung befassen? Dafür gibt es verschiedene Gründe: Im modernen Arbeitsleben sind vielfältige Veränderungen im Gange, die auch veränderte Anforderungen an die berufstätigen Menschen stellen. Sei es durch neue Technologien wie die immer weiter verbreitete Bildschirmarbeit, sei es durch neue Arbeits- und Organisationsformen, die unter anderem mehr Teamarbeit erfordern, sei es durch den Zwang zur Produktivitätssteigerung oder die zunehmende Globalisierung - die Anforderungen und damit auch die Formen der Belastung ändern sich mit großer Geschwindigkeit. Dass psychische Belastungsfaktoren negative Auswirkungen auf die Konzentrations- und Leistungsfähigkeit, sowie auf die geistige und körperliche Gesundheit haben können, ist durch viele arbeitspsychologische Studien gesichert. Des weiteren besteht unter psychischer Belastung erhöhte Unfallgefahr - dies gilt sowohl für Überforderungs- als auch für Unterforderungssituationen. Viele Betroffene versuchen außerdem, psychische Belastungen durch gesundheitsschädigende Verhaltensweisen wie erhöhten Zigaretten- und Alkoholkonsum, oder durch Medikamentenmissbrauch zu bewältigen. Schließlich verursachen die Auswirkungen psychischer Belastungen im Arbeitsleben auch immense finanzielle Schäden, die pro Jahr auf mehrfache Milliardenhöhe geschätzt werden.

Die Gesetzgebung hat auf die verstärkt auftretende Gefährdung durch psychische Belastungsfaktoren reagiert. So thematisiert das Arbeitsschutzgesetz ausdrücklich psychische Faktoren. Und im siebten Buches zur Sozialgesetzgebung findet sich der sehr weit gefasste Präventionsauftrag an die gesetzlichen Unfallversicherungsträger, der ausdrücklich gebietet, "mit allen geeigneten Mitteln Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten sowie arbeitsbedingte Gesundheitsgefahren zu verhüten." Um der Herausforderung durch diesen weit gefassten Auftrag gerecht zu werden, hat die Landesunfallkasse Nordrhein-Westfalen zahlreiche Neueinstellungen vorgenommen. Die Präventionsabteilung wurde durch ein interdisziplinäres Team neu aufgebaut. Neben Ingenieuren verschiedener Fachrichtungen arbeiten dort nun auch eine Gesundheitswissenschaftlerin, eine Sportpädagogin, eine Sozialpädagogin und ein Psychologe, um den weit gefassten Präventionsauftrag so erfolgreich wie möglich zu erfüllen.


2. Was genau kann man unter psychischer Belastung und Beanspruchung verstehen?

In den Arbeitswissenschaften sowie auch in der deutschen und europäischen Normungsarbeit, hat man sich auf einen einheitlichen Sprachgebrauch geeinigt, der zum Teil vom Alltagsverständnis abweicht. Unter psychischer Belastung wird dabei "die Gesamtheit aller erfassbaren Einflüsse, die von außen auf den Menschen zukommen und psychisch auf ihn einwirken", verstanden. Psychische Beanspruchung wird definiert als "die individuelle, zeitlich unmittelbare und nicht langfristige Auswirkung der psychischen Belastung im Menschen in Abhängigkeit von seinen individuellen Voraussetzungen und seinem Zustand".

Am Beispiel des Stresserlebens wird jedoch klar, dass das klassische, aus Ergonomie und Arbeitsmedizin bekannte Belastungs-Beanspruchungsmodell nicht linear gleichsam als "Einbahnstraße" verstanden werden kann. Durch Bewältigungsversuche kann es zu einer Rückwirkung des betroffenen Individuums direkt auf die Belastungsfaktoren kommen. Dies zeigt wie wichtig es ist, den gesamten Prozess inklusive der Wechselwirkungen zu berücksichtigen. Auf diesem Gebiet besteht nach wie vor großer Forschungsbedarf für die Arbeitswissenschaften.


3. Was sind konkrete Beispiele für psychische Belastungen am Arbeitsplatz?

In arbeitspsychologischen Untersuchungen haben sich verschiedene gesundheits- und sicherheitskritische Tätigkeitsmerkmale herauskristallisiert (vgl. Richter 1998):

  • Informationsmangel bzw. Informationsüberflutung
  • Hindernisse oder Erschwerungen bei der Informationsaufnahme
  • Behinderungen von Bewegungsabläufen
  • Häufige Tätigkeitsunterbrechungen durch andere Personen oder das Telefon
  • Häufige Funktionsstörungen der Arbeitsmittel bzw. der Software
  • Widersprüchliche Arbeitsaufgaben (z.B. bei tätigkeitswirksamen Rollenkonflikten)
  • Kommunikations- oder Kooperationsbarrieren
  • Arbeiten unter Zeitdruck
  • Aufgaben geringen Umfangs
  • Qualifikationsdefizite

Der mit einem oder mehreren der hier aufgezählten psychischen Belastungsfaktoren konfrontierte Mensch wird psychisch beansprucht. Dies geschieht in Abhängigkeit von seinen Persönlichkeitsmerkmalen bzw. Fähigkeiten, Einschätzungen, Bewertungen und Bewältigungsversuchen. In der Arbeitspsychologie besonders gut erforschte Beanspruchungsfolgen sind Stress, psychische Ermüdung, Monotonie und psychische Sättigung.

Folgen der Beanspruchung müssen jedoch nicht unbedingt negativ sein - durch Aufwärm- und Aktivierungseffekte sowie längerfristig durch Lernen und Weiterentwicklung können durchaus auch positive Folgen auftreten. Für Maßnahmen der Arbeitsgestaltung bzw. der Gesundheitsförderung hat dies zur Folge, dass es auch aus Gründen der Persönlichkeitsförderlichkeit nicht darum gehen kann, Belastung bzw. Beanspruchung generell zu minimieren. Stattdessen sollten durch Maßnahmen des Arbeits- und Gesundheitsschutzes möglichst optimale Formen der Beanspruchung erzielt werden.


4. Welche Möglichkeiten gibt es für die betriebliche Praxis?

Die Arbeitspsychologie bietet eine Vielzahl von wissenschaftlich abgesicherten Instrumentarien zur Arbeitsanalyse bzw. auch zur Bestimmung psychischer Belastung und Beanspruchung bei Arbeitstätigkeiten. Diese Verfahren sind jedoch oftmals recht kompliziert, so dass sie nur durch Psychologen oder nach längerer Schulung durchgeführt werden können. Deswegen hat es Bemühungen gegeben, weniger komplizierte Verfahren zu entwickeln, die aber dennoch auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren.

Wichtig ist jedoch, dass dies im Einvernehmen mit den Beteiligten geschieht. Die Beschäftigten in Analyse, Bewertung und Gestaltung einzubeziehen, kann per se schon belastungsreduzierend wirken und ist entscheidend für die Akzeptanz des gesamten Vorgehens. Roland Portuné, LUK NRW


[1]

Persönliche Werkzeuge
Für unsere Kunden