Muskel- und Skeletterkrankungen
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Prävention zahlt sich aus
Muskel- und Skeletterkrankungen - kurz MSE - werden nicht nur als "Volkskrankheit" bezeichnet, weil jeder Zweite über derartige Beschwerden klagt, sie spielen auch in der Arbeitswelt eine dominierende Rolle. Über 23 Prozent aller betrieblichen Fehlzeiten sind auf MSE zurückzuführen. Aus einer verstärkten Prävention können Arbeitnehmer daher einen erheblichen gesundheitlichen und Unternehmer einen beträchtlichen wirtschaftlichen Nutzen ziehen.
Der Bericht der Bundesregierung über den Stand von Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit und über das Unfall- und Berufskrankheitengeschehen in Deutschland im Jahr 2005 liefert umfangreiche Daten zu Häufigkeit und Kosten von MSE in der Arbeitswelt. Danach entfielen auf diese Krankheitsgruppe rund 98 Millionen Arbeitsunfähigkeitstage; zugleich schieden wegen MSE-bedingter verminderter Erwerbsfähigkeit 29.700 Menschen vorzeitig aus dem Arbeitsleben aus (ca. 18 % der gesundheitlich begründeten Frühberentungen). Auch hinsichtlich der krankheitsbedingten wirtschaftlichen Belastungen rangieren MSE mit an der Spitze. Lediglich von den Erkrankungen des Verdauungssystems übertroffen, entfielen auf sie laut Statistischem Bundesamt 13 Milliarden Euro. Das sind 12 Prozent aller direkten, im Wesentlichen für die Behandlung aufgewandten Krankheitskosten, die 2004 in der 15- bis 65-jährigen Bevölkerung entstanden sind. Darüber hinaus verursachten MSE 2005 fast ein Viertel des durch Arbeitsunfähigkeit bedingten Produktionsausfalls (8,8 von insgesamt 37,8 Milliarden Euro) - deutlich mehr als jede andere Diagnosegruppe. Diese Kosten sind nicht nur von Wirtschaftszweigen zu tragen, die durch schwere körperliche Arbeit gekennzeichnet sind, sondern auch in erheblichem Maße von Branchen, in denen leichte körperliche Arbeiten überwiegen.
Die Ursachen sind vielfältig
Arbeitsbedingungen, die zur Entstehung oder Verschlimmerung von MSE beitragen, sind immer noch weit verbreitet. Nach einer Erhebung des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) und der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) müssen gegenwärtig etwa 23 Prozent der Erwerbstätigen bei der Arbeit häufig schwere Lasten bewegen. Agrarberufe, Transport- und Lagerberufe, Ernährungsberufe, bestimmte Metall- und Gesundheitsberufe, vor allem aber Bau- und Baunebenberufe sind überdurchschnittlich stark betroffen. Das Arbeiten in Zwangshaltungen - gebeugt, hockend, auf Knien, über Kopf - kommt bei über 14 Prozent der Erwerbstätigen häufig vor, besonders verbreitet ist dies wiederum in den Bau- und baunahen Berufen, darüber hinaus in Agrarberufen und Dienstleistungsberufen. Ferner besitzen Arbeitsplätze mit immer wiederkehrenden gleichen Handhabungsaufgaben ein Gefährdungspotenzial für das Muskel- und Skelettsystem.
Dazu gehören beispielsweise sich ständig wiederholende Montagetätigkeiten in ungünstigen Haltungen des Schulter-Armsystems. Auffällig ist schließlich auch der hohe Anteil der Erwerbstätigen, die einseitigen körperlichen Belastungen, zum Beispiel durch lang andauerndes Stehen oder Sitzen ohne wirksame Pausen, ausgesetzt sind. Als besonders gravierend können arbeitsbezogene MSE-Risiken dort angesehen werden, wo sich hohe körperliche Belastungen mit einem hohen Niveau psychischer Belastungen verbinden - etwa durch starken Zeit- beziehungsweise Leistungsdruck, von dem sich über die Hälfte der deutschen Beschäftigten häufig betroffen sieht. Weitere, außerhalb der Arbeitswelt gelegene Risikofaktoren sind zum einen der in den letzten Jahren zu beobachtende Bewegungsmangel von Kindern und Jugendlichen, der zunehmend dazu führt, dass "vorbelastete" Berufsanfänger ins Arbeitsleben einsteigen. Zum anderen bedingen der demografische Wandel und die Erhöhung des Renteneintrittsalters eine fortschreitend älter und damit auch krankheitsanfälliger werdende Belegschaft.
Maßnahmen nach dem TOP-Prinzip
Arbeitgeber sind verpflichtet, die Arbeitsbedingungen zu beurteilen, auftretende Risiken zu bewerten und gegebenenfalls Maßnahmen einzuleiten, um die Mitarbeiter zu schützen. Wie in anderen Bereichen empfiehlt sich auch bei Muskel- und Skeletterkrankungen, nach dem TOP-Prinzip vorzugehen. Die Buchstaben TOP stehen für die drei aufeinander aufbauenden Gestaltungsbereiche der Prävention: Technik - Organisation - Person. Technische Maßnahmen umfassen die ergonomische Gestaltung von Arbeitsplätzen und Arbeitsgeräten, zum Beispiel kurze Transportwege, vibrationsgeminderte Werkzeuge oder höhenverstellbare Tische, an denen Beschäftigte sowohl im Sitzen als auch im Stehen arbeiten können. Organisatorische Maßnahmen betreffen vor allem die Arbeitsabläufe im Betrieb. Sie reichen von Betriebsanweisungen, wie Lasten zu bewegen sind, über Bewegungspausen bis hin zur Jobrotation. Bei Letzterer wechseln sich Mitarbeiter bei einer belastenden Tätigkeit möglichst häufig ab. Zu den personenbezogenen Maßnahmen zählen unter anderem die Schulung und Information der Mitarbeiter, zum Beispiel über das richtige Heben und Tragen schwerer Lasten. Die Träger der gesetzlichen Unfallversicherung stellen eine Vielzahl von Medien und Infoschriften bereit, die den Arbeitgeber bei dieser Aufgabe unterstützen. Über diesen integrierten Managementansatz hinaus können Arbeitgeber die Gesundheit ihrer Mitarbeiter mit weiteren Maßnahmen fördern. Beispiele hierfür sind Rückengymnastik als Teil der betrieblichen Gesundheitsförderung und Ausgleichssport. Denn Fitness beziehungsweise eine kräftige Muskulatur ist eine wichtige Voraussetzung, um den körperlichen Belastungen im Arbeitsalltag gewachsen zu sein. Insofern ist jeder Beschäftigte auch selbst gefordert, sich mit Bewegung und gezieltem Training fit zu halten.
Leitfaden für die Gefährdungsbeurteilung
Um die Häufigkeit und Schwere von MSE zu verringern, spielt die Früherkennung eine große Rolle. Daher wurde in den letzten Jahren der Berufsgenossenschaftliche Grundsatz G 46 "Belastungen des Muskel- und Skelettsystems" für arbeitsmedizinische Vorsorgeuntersuchungen entwickelt. Die zum Grundsatz G 46 zugehörigen Auswahlkriterien (BGI 504-46) liefern Unternehmern sowie Betriebsärzten und Fachkräften für Arbeitssicherheit nützliche Hinweise zur Gefährdungsbeurteilung und damit zur Identifikation der Beschäftigten, die für eine Untersuchung in Frage kommen. Dies geschieht in Form einer gestuften Vorgehensweise, beginnend mit einer groben Checkliste bis hin zur vertieften Analyse. Die Auswahlkriterien schließen eine Vielzahl von berufsbezogenen Belastungsarten wie manuelle Lastenhandhabungen, Arbeiten in Zwangshaltungen, repetitive Tätigkeiten und Vibrationseinwirkungen ein.
Langfristige Strategien gefragt
Die Prävention von MSE darf sich jedoch nicht auf einmalige Initiativen beschränken; vielmehr sind diese Initiativen zu verstetigen und den zukünftigen Herausforderungen anzupassen. Die Gemeinsame Deutsche Arbeitschutzstrategie (GDA) hat daher die Verringerung von Muskel-Skelett-Belastungen und -Erkrankungen als ein Arbeitsschutzzielfestgelegt, wobei der Abbau psychischer Fehlbelastungen und die Förderung eines systematischen betrieblichen Arbeitsschutzes ausdrücklich mit einbezogen sind. In der GDA arbeiten Bund, Unfallversicherungsträger und Länder eng zusammen, um die Prävention nach gemeinsamen Grundsätzen und gemeinsamen Programmen gezielt umzusetzen. Muskel- und Skeletterkrankungen sind nicht nur in Deutschland, sondern europaweit ein drängendes Problem. Aus diesem Grund startete die Europäische Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz vergangenes Jahr die Kampagne "Pack's leichter an". Während der "Europäischen Woche 2007" warben Arbeitsschutzinstitutionen in ganz Europa für mehr Prävention in den Betrieben. Die Kampagne versuchte auch deutlich zu machen, dass neben der Prävention die Weiterbeschäftigung von Arbeitnehmern mit MSE fester Bestandteil jeder Arbeitsplatzpolitik sein sollte.
Quelle:Dr. Rolf Ellegast, Institut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung, Sankt Augustin
Arbeitsbedingte Muskel- und Skeletterkrankungen
Darunter fallen Beeinträchtigungen und Schädigungen von Muskeln, Gelenken, Sehnen, Bändern, Nerven, Knochen und Blutgefäßen, die hauptsächlich durch die Arbeit und Auswirkungen des unmittelbaren Arbeitsumfelds verursacht werden. Sie können die Folge lang anhaltender, wiederholter Belastungen von hoher oder auch geringer Intensität sein. Verschleißerscheinungen an Knochen und Gelenken überwiegen: Abnutzung der Bandscheiben in der Lendenwirbelsäule zählt ebenso dazu wie Verschleiß der großen Gelenke (Arthrosen) und der Gelenkmenisken im Knie. Auch Schulter- und Nackenbeschwerden durch ungünstige Sitzhaltungen sowie Sehnenscheidenentzündungen werden hier eingeordnet. Eine nicht unbeträchtliche Zahl von Knochen- und Gelenkschäden ist auf die Einwirkung mechanischer Schwingungen durch handgehaltene oder mobile Arbeitsmaschinen zurückzuführen.
Faktoren, die zur Entstehung von Muskel- und Skeletterkrankungen beitragen können (Beispiele)
Physische Faktoren:
- Manuelle Lastenhandhabung (z. B. Heben, Tragen, Ziehen und Schieben von Lasten)
- Arbeiten in Zwangshaltungen (z. B. im Knien oder mit Armen über dem Kopf)
- Ausübung einseitiger und bewegungsarmer Tätigkeiten
- Ausführen immer wiederkehrender Tätigkeiten
- Arbeiten mit erhöhter Kraftanstrengung und/oder Krafteinwirkung (z. B. Einwirkung von Druckbelastungen bei der Bedienung von Werkzeugen)
- Einwirken von Vibrationen
- Ungünstige klimatische Bedingungen (z. B. Kälte oder übermäßige Wärme).
Organisatorische und psychosoziale Faktoren:
- Überforderung
- Keine Möglichkeiten zur Kontrolle der ausgeführten Arbeiten
- Geringes Maß an Selbstständigkeit
- Geringer Grad von Arbeitszufriedenheit
- Sich schnell wiederholende, monotone Arbeiten
- Fehlende Unterstützung durch Kollegen und Vorgesetzte
- Stress, Mobbing.
Individuelle Faktoren:
- Physische Leistungsfähigkeit
- Alter, Geschlecht, Körperkonstitution
- Fettleibigkeit
- Rauchen
Betriebliche Gesundheitsförderung
...eine gewinnbringende Ergänzung zum Arbeitsschutz.
